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. . . kann einfach sein

Der neue deutsche Simplizissimus führt in die Natur, aber bitte kultiviert. Nicht so wild und gestaltlos sondern gezähmt, eingerahmt von lärchenhaften Pfählen. Ein Wink? Vielleicht. Möglicherweise auch nur eine Abgrenzung von den chaotischen Alltagsbelangen. Wochenendlich erfolgt ein gemeinschaftliches Ausrücken in die romantisch blassblaue Verklärung. Der sehnsuchtsvolle Fluchtpunkt ist das niedergemähte Fleckchen Wiese, ganz nah dran bzw. mittendrin. Der Mensch als Fußnote in der Landschaft. Das Zelt steht, hingeworfen. Die Heringe verwurzeln mit dem Boden. Der See schweigt. Er will nichts, er ist einfach da. Die Blätter rascheln ziellos. Ja, es gibt auch Grillen. Überraschend, all die Lebendigkeit, die ungezügelte. Die Hufe der Pferdekutsche hallen von weit. Es geht also auch anders. Es kommt Bewegung rein. Im Plastikkörbchen trägt ein Camper die Hinterlassenschaften des vergangenen Mahls über den Platz, Geschirrspülen als Ordnungstherapie. Urwüchsig ragt sein Bein über der Birkenstocksandale empor. Wer kann da Schritt halten? Ein paar Kinder bauen sandige Traumschlösser, die Gänsefamilie lässt sich treiben. Alles läuft wie von selbst, da fällt das Ankommen schwer. Es gibt keinen Empfang, kein Netz. Ein Rettungsanker bleibt, durch die schmale Gasse an der Rezeption kommen sie – die Realitätsflüchtenden. Der Hotspot im Funkloch, angedockt und eingeloggt, das Leben im 10-Zoll-Format beruhigt, piepend grüßt die Heimat. Alles ist abrufbar auf Knopfdruck. Das Grün wuchert weiter im Augenwinkel. Die Natur überragt und umsäumt alle. Sie ist da, wolkenlos, aufgeblüht und immergrün. Sie ist einfach.


Fifty Shades of Chlorophyll

Sind wir verwöhnt? Ja. Unsere Komfortzone ist eng geschnitten und wetterfühlig. Der Klimawandel und die städtische Wohnkultur mit ihren vollklimatisierten Lebensbunkern befördern eine empfindliche Dünnhäutigkeit gegenüber den Temperaturschwankungen des Irdischen. Vielleicht sind wir auch nicht spontan genug. Urplötzlich nach einem frostigen März knallt der Sommer die Tür ins Haus und plärrt mit seinem wolkenlosen Himmel und den grellen Sonnenstrahlen in unser Gemüt: Es ist Zeit, geh mal wieder raus. Kein kurzes Pendeln zwischen PKW und Büro, zwischen Wohnung und U-Bahnstation. Das straff schreitende, zielgerichtete Vorübergehen genügt uns nicht mehr, da die Düfte des Frühlings unsere niesfreudige Nase kitzeln und die solare Strahlung uns zum Seelen- oder zumindest Kleidungsstripp auffordert. Wie lange mussten wir im stetig kalten Grau verharren? Wie viele fetthaltige Cremedöschen haben wir in den letzten Monaten verbraucht? Waren wir nicht schon kurz davor, uns eine Infrarotlampe zuzulegen? Und wer spielte mit dem Gedanken Teilzeitauszuwandern?

 

Jetzt ist es endlich soweit. Die Außenwelt lockt mit ihren natürlichen Reizen, auf zum Ancampen. Das hat sein Gutes, da nicht nur die Gerüche der Natur ahnungsvoll durch die Gegend streifen, auch die bisher schockgefrostete Stadtluft entfaltet wieder ihre eindringlichen Aromen. Habt ihr alles dabei? Hat der Wohnwagen den Winter gut überstanden? Der Frühling hat seinen grüngetünchten Willkommensteppich ausgerollt, der schon bei der Fahrt zum Campingplatz in allen Himmelsrichtungen wahrgenommen werden kann. Das beharrliche Kieferngrün wird ergänzt, durch zarte Birkensprößlinge, grasgrüne Weiten, grelle, farngrüne Uferränder, fifty shades of Chlorophyll. Die Kastanien zeigen stolz ihre Blütenkerzen, während der Ginster sich mit markantem Sonnengelb in den Vordergrund drängelt. Frühling, ja Du bist's, wir haben Dich vernommen. Nicht zuletzt durch den mehrstimmigen Gesang der Vögel. Untermalt vom Klangteppich geschäftiger Amseln und Meisen kann der Frühjahrsputz am Wohnwagen beginnen. Egal ob Dachausbesserungen, das Herrichten der in die Jahre gekommenen Terrasse oder blumige Anpflanzungen, das Streben nach Erneuerung ist allgegenwärtig. Doch zum Ancampen gehört nicht nur produktive Arbeit. Die Natur ist so schön, sie lädt zum Verweilen ein, zum barfüßigen Müßiggang auf der aufbegehrenden Grasnarbe, zur eiskalten Kneipptour am klaren Seeufer, zum ziellosen Sonnenbaden im gemütlichen Liegestuhl. Auch wenn die Nächte uns noch mit ihrem klaren, kühlen Atem an den verblichenen Winter erinnern und der allmorgendliche Raureif uns frösteln lässt, eine Ahnung vom Sommer haben wir schon.